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Digitalisierung in der Transportbranche ist besser als ihr Ruf

Immer wieder liest man, dass die Transportbranche schlecht digitalisiert ist. Dies ist jedoch keine faire und auch keine korrekte Aussage, wenn es um den Digitalisierungsgrad im Vergleich zu anderen Branchen geht.

Im Handwerk wird beispielsweise immer wieder geschrieben, dass inzwischen mehr und mehr Handwerker Apps nutzen, was als Digitalisierung der kleinen Handwerksbetriebe zählt. Also eine klar positivere Kommunikation gegenüber der Transportbranche. Und dies bei gleicher Ausgangssituation. 

Die Transportlogistik besteht, ähnlich wie das Handwerk, aus 90% Unternehmen mit weniger als 10 Mitarbeitern. Apps werden in der Transportlogistik in nahezu allen Bereichen genutzt. Egal wie groß das Unternehmen ist. Allerdings meist nicht 1 oder 2. Nein, deutlich mehr, da viele Unternehmen Subunternehmer von den unterschiedlichsten Auftraggebern sind, die alle ihre eigene App haben, die diese verwendet sehen wollen. Berücksichtigt man die Größenordnung der Unternehmen bei der Berechnung des Digitalisierungsgrads, steht die Transportbranche gar nicht mehr so schlecht da. Was nicht heißen soll, dass hier schon alles gut ist. Es soll lediglich heißen, dass es schlechter geredet wird als es ist.

Transparenz: Nicht vorhanden aber von (fast) allen Seiten gefordert

Trotz gar nicht so schlechtem Digitalisierungsgrad ist die Transparenz in der Transportbranche noch ganz am Anfang. Hier schafft es die Branche seit Jahren nicht, die gesamte Lieferkette digital abzubilden. Immer wieder kann ein Glied der Kette die erforderlichen Daten nicht liefern und macht damit die gesamte Kette intransparent.

Es existieren hunderte von Logistiksoftwareanbietern im europäischen Markt, die die Branche aufrufen sich zu digitalisieren und die gleichzeitig in ihren eigenen Lösungen proprietäre Schnittstellen verwenden. Hunderte von großen Logistikdienstleistern beschweren sich über mangelnde Transparenz und getrennte Datentöpfe, schaffen aber gleichzeitig ihre eigenen proprietären Softwareplattformen. Auf der anderen Seite haben wir Hunderttausende von kleinen Frachtführern, die mit den unterschiedlichsten Lösungen ihrer Auftraggeber konfrontiert werden und gleichzeitig mit dem täglichen Überlebenskampf beschäftigt sind. 

Fehlt in der Branche nur ein Standard?

Leider nein, denn der international nutzbare Standard zum Datenaustausch (EDIFACT) wurde bereits 1986 von der UN veröffentlicht und ist per ISO Norm geschützt. Für die einfache Nutzung des sehr komplexen EDIFACT Standards gibt es ca. 20 branchenorientierte Teilmengen (Subsets), wie beispielsweise EANCOM für die Konsumgüterindustrie. Alle diese Teilmengen arbeiten wiederum mit standardisierten Nachrichtentypen (Transport-/Speditionsauftrag, Lieferavis, Rechnung, …), die auch eine branchenübergreifende Kommunikation (zwischen den Subsets) zulassen. Große ERP Lösungen nutzen diese Standards. Die meisten TMS- und Telematik-Lösungen aber nicht.

Losgelöst von EDIFACT und seinen Teilmengen gibt es aber auch noch weitere Bemühungen um Standards, die mal mehr, mal weniger erfolgreiche Konzepte aufweisen. Erwähnenswert ist hier aber auf jeden Fall der Verband OpenTelematics, der mit über 20 namhaften deutschen Telematik-Anbietern und einigen artverwandten Unternehmen einen Standard für die Telematik-Branche erstellt hat. Und darüber hinaus arbeiten aktuell ein paar große Logistikdienstleister, zusammen mit einer Forschungseinrichtung und der GS1, etwas Neues aus, auf das wir im nächsten Jahr gespannt sein dürfen. Genug technische Möglichkeiten für die Nutzung transparenzschaffender Standardschnittstellen gibt es somit. Sie müssten nur genutzt werden.

Transparenz in der Supply Chain – bewusst nicht gewollt?

Fehlt also einfach der Wille für eine Zusammenarbeit (über Standards)? Ganz so einfach ist es nicht. Zunächst einmal ist der häufigste Grund für die ausbleibende Verwendung von Standards das mangelnde Wissen um den Standard. Und wenn der Standard dann irgendwann doch bekannt wird, sind die Lösungen schon fertig und keiner macht sich mehr die Mühe, die Schnittstellen noch einmal neu aufzusetzen. Darüber hinaus ist ein Standard in der Regel immer komplexer oder nicht vollständig ausreichend für das eigene Business. Entsprechend wird der schnelle, eigene Weg bevorzugt. 

Hinzu kommt, dass noch vor wenigen Jahren (und nicht selten auch heute noch) tatsächlich die Inkompatibilität zwischen Marktbegleitern als wirksamer Schutz vor einem schnellen Wechsel des Kunden auf einen Marktbegleiter betrachtet wurde. Man möchte sich nicht vergleichbar und damit austauschbar machen. Und genau dies fällt der Branche heute auf die Füße. Erst wenn diese Denke aufgelöst ist, die sich durch die gesamte Supply Chain zieht, wird die Logistik zu einer Transparenz kommen, die ihr neue Geschäftsfelder und Umsatzmöglichkeiten generiert und gleichzeitig das Feld für eine weitere und tiefergehende Digitalisierung ermöglicht.

Fazit

Das Problem der Logistik ist nicht der Digitalisierungsgrad oder die fehlende Transparenz. Diese Punkte sind nur eine Folge aus 2 anderen Punkten. 

1. Mangelndes Wissen über technologische Möglichkeiten im Umfeld der Logistiksoftware und die sich daraus ergebenden Chancen. 

2. Die noch nicht ausreichende Einsicht, dass Transparenz und Standards zwar mehr Vergleichbarkeit schaffen, gleichzeitig aber auch mehr Chancen und zusätzliche Umsatzmöglichkeiten. 

Und gegen letzteres verwehrt sich in der Regel niemand. 


English version

Digitalisation in the transport industry is better than its reputation

One reads again and again that the transport industry is poorly digitalised. However, this is neither a fair nor a correct statement when it comes to the degree of digitalisation compared to other industries.

In the craft trade, for example, it is repeatedly written that more and more craftsmen are now using apps, which counts as digitalisation of small craft businesses. So clearly a more positive communication compared to the transport industry. And this with the same starting situation.

The transport logistics, like the craft trade, consists of 90% companies with less than 10 employees. Apps are used in almost all areas of transport logistics. No matter how big the company is. However, mostly not 1 or 2 but significantly more. Many companies are subcontractors from a wide variety of clients who all have their own app that they want to see used. If you take into account the size of the company when calculating the degree of digitalisation, the transport industry is no longer in such a bad position. Which is not to say that everything is fine. It just means that people are talking worse than it actually is.

Transparency: Not available but requested by (almost) all parties

Despite the not that bad degree of digitalisation, transparency in the transport industry is still at the very beginning. The industry has not managed to digitally map the entire supply chain for years. Again and again, a link in the chain cannot deliver the required data, making the entire chain non-transparent.

There are hundreds of logistics software providers in the European market who call on the industry to digitalise and at the same time use proprietary interfaces in their own solutions. Hundreds of large logistics service providers complain about a lack of transparency and separate data pools but at the same time create their own proprietary software platforms. On the other hand, we have hundreds of thousands of small freight carriers who are confronted with a variety of solutions from their clients and at the same time are busy with the daily struggle for survival.

Is there only a standard missing in the industry?

Unfortunately no, because the internationally usable standard for data exchange (EDIFACT) was published by the UN in 1986 and is protected by the ISO standard. For the simple use of the very complex EDIFACT standard there are around 20 branch-oriented subsets, such as EANCOM for the consumer goods industry. All these subsets in turn work with standardised message types (transport / forwarding order, shipping notification, invoice, …) which also allow cross-sector communication (between the subsets). Large ERP solutions use these standards. Most TMS and telematics solutions, however, do not.

Separated from EDIFACT and its subsets, there are also further efforts to establish standards that have sometimes more, sometimes less successful concepts. The OpenTelematics association is definitely worth mentioning here which has created a standard for the telematics industry with more than 20 well-known German telematics providers and some related companies. In addition, a couple of large logistics service providers, together with a research institution and GS1, are currently working on something new that we can look forward to next year. There are therefore enough technical possibilities for the use of standard interfaces that create transparency. They just have to be used.

Transparency in the supply chain – deliberately not wanted?

So is there simply a lack of willingness to work together (via standards)? It is not that easy. First of all, the most common reason for not using standards is a lack of knowledge of the standard. And if the standard does become known at some point, the solutions are already out in the market and nobody is interested in reworking the interfaces. In addition, a standard is usually always more complex or not completely sufficient for one’s own business. Accordingly, the fast, own way is preferred.

In addition, just a few years ago (and not infrequently still today) the incompatibility between competitors in the market was actually seen as an effective protection against a quick change of the customer to a competitor. You do not want to be comparable and thus interchangeable. And this is exactly what the industry is falling on its feet today. Only when this thinking, which runs through the entire supply chain, has been resolved, the logistics industry will come to a level of transparency that generates new business areas and sales opportunities and at the same time enables the field for further and deeper digitalisation.

Conclusion

The problem in the logistics industry is not the degree of digitalisation or the lack of transparency. These points are just a consequence of two other points. 

1. Lack of knowledge about technological possibilities in the area of logistics software and the resulting opportunities.

2. The insufficient insight that transparency and standards create more comparability, but at the same time also more opportunities and additional revenue opportunities. 

And as a rule, no one refuses to oppose the latter.