Vor ein paar Wochen startete der neue webbasierte Dienst HERE WeGo Deliver. HERE selbst sieht seinen Dienst als Unterstützung für kleine Unternehmen im Umfeld der Lieferdienste, die unter der COVID-19-Situation leiden. Daher auch die kostenfreie Bereitstellung bis Ende 2020.

Das potenziell Brisante an dem neuen Dienst: HERE ist mit seinen Kartendaten ein wichtiger (direkter oder indirekter) Lieferant für viele Logistiksoftware-Anbieter, von denen einige ebenfalls eine Tourenoptimierung mit webbasierter Oberfläche anbieten oder die Tourenoptimierung in ihr TMS integriert haben. Macht HERE mit seinem neuen Dienst HERE WeGo Deliver seinen eigenen Partnern Konkurrenz oder ist der Dienst ein einfacher Einstieg in das Thema Tourenoptimierung und macht Lust auf mehr, was dann dem gesamten Markt zugute kommt? Dieser Frage gehen wir in diesem Blog-Beitrag ebenso nach wie der Frage nach der Nutzbarkeit des Dienstes.

Die Oberfläche / Der erste Eindruck

Nach dem Aufruf der HERE WeGo Deliver URL erscheint eine aufgeräumte Oberfläche im ansprechenden Design – schlicht und einfach. In Summe stehen aktuell 10 Sprachen zur Auswahl. Eine Anmeldung mit einem HERE Konto ist nicht notwendig. Der erste Eindruck der Oberfläche ist daher erstklassig.

Die ersten Schritte

Zunächst muss für die Tourenoptimierung ein Depot definiert werden. Dies kann über die Eingabe einer Adresse oder eine automatische Standortbestimmung erfolgen. Danach muss der Nutzer die Anzahl der Fahrzeuge und verfügbare Kapazität pro Fahrzeug definieren. Abschließend ist die Tagesarbeitszeit (zwischen 06.00 Uhr und 22.00 Uhr) festzulegen und zu definieren, ob am Ende der Tour das Fahrzeug wieder ins Depot kommt.

Nachdem diese Einstellungen erfolgt sind, kommt man mit einem Klick auf „Weiter“ zur Eingabe der Auftragsdaten. Hierfür stehen 2 Wege zur Verfügung: Die manuelle Eingabe und der Import über eine CSV Datei. Die manuelle Eingabe ist beschränkt auf die Adresse, ein Namensfeld und die Anzahl der Packstücke/Paletten/… (in Bezug auf die vorher eingegebene Kapazität).

Wer den Weg über die CSV Datei geht kann zusätzlich Öffnungszeiten des Empfängers, Servicezeiten, Notizen, Kontaktdaten, … verwenden. Die Öffnungs- und Servicezeiten werden später in der Tourenoptimierung berücksichtigt, alle anderen Daten werden nur durchgeschleust.

Um die CSV Datei zu nutzen, kann sich der User eine Musterdatei innerhalb der Oberfläche runterladen. Das Hochladen einer eigenen Datei geht per drag&drop oder per Dateiauswahl. Eine Datei als Schnittstelle ist zwar heutzutage eigentlich „oldschool“, für diesen Anwendungsfall aber der einfachste Weg und so einfach umgesetzt, dass es auch für nicht softwarebegeisterte Menschen nutzbar ist.

Übrigens, nutzt man die CSV Datei und hat ein paar kleinere Schreibfehler in der Adresse, toleriert das System diese und verwendet das wahrscheinlichste Ergebnis. Dieses Vorgehen hat Vor- und Nachteile, wobei die Vorteile klar überwiegen. Fehler in Straßenschreibweisen kommen häufig vor und das von HERE WeGo Deliver ermittelte wahrscheinlichste Ergebnis war in unseren Tests fast immer auch das richtige Ergebnis. Es kann aber auch zu falschen Interpretationen kommen, was dann der Disponent erkennen muss. Falsch erkannte Adressen können dann über die Oberfläche entfernt und manuell neu eingegeben werden.

Optimierung

Nachdem die ersten Schritte erfolgt sind, muss man zur Optimierung nur noch auf den Button „Planen“ klicken und hat in wenigen Sekunden (mit 10 Testdaten in weniger als einer Sekunde, mit 100 Testdaten in ca. 15 Sekunden) das Ergebnis.

Richtig gut sichtbar ist dabei immer nur eine Tour. Schaut man aber ganz genau hin, sieht man, dass die anderen Touren ausgegraut ebenfalls zu erkennen sind. Hier wäre ein besserer Kontrast wünschenswert.

Die Optimierung erfolgt auf Basis von PKW Daten und berücksichtigt keine aktuellen Verkehrsinformationen. Macht letztendlich auch keinen Sinn, wenn man heute für morgen plant. HERE schreibt in seiner FAQ aber, dass man realistische Zeiten bei den Fahrzeiten berücksichtigt. Ob dies bedeutet, dass historische Verkehrsflussdaten verwendet werden oder nicht kommt dabei nicht zur Sprache. Wir vermuten aber, dass dies nicht der Fall ist.

Ergebnisexport

Die Tourenoptimierung macht natürlich nur dann richtig Sinn, wenn ich das fertige Ergebnis an den Fahrer transferieren kann und dieser danach fährt. Ohne bestehende Schnittstelle ist dies für einen flüssigen Prozess natürlich schwierig. Entsprechend bietet HERE in seinem Dienst zwei altbekannte Wege an: Die Erstellung eines PDF und die Erstellung einer Mail.

Das PDF enthält eine Übersicht der Tour, die jeweiligen Stop-Daten, einen Link pro Stop und einen dazugehörigen QR Code. Link und QR Code kann der Fahrer in Verbindung mit der kostenfreien HERE Navigation für die schnelle Eingabe der Zieladresse nutzen. Die erzeugte Mail beinhaltet die gleichen Daten, es fehlt nur der QR Code, der durch den Link aber auch überflüssig ist.

Diesen Prozess könnte man durch kommerzielle „Vermittlerdienste“ noch deutlich verbessern und bekannte Telematik-Dienste oder weitere Navigationslösungen verbinden. In einer kostenfreien Version wird sich dies aber nicht rechnen. Hier sind wir gespannt, oder der Dienst noch erweitert wird, wenn die kostenfreie Phase vorbei ist.

Verwendbarkeit innerhalb der definierten Zielgruppe

HERE spricht mit seinem Dienst kleine Lieferdienste an. Dies sind in der Regel Unternehmen mit 1-5 Fahrzeugen des gleichen Fahrzeugtyps. Für exakt diese Zielgruppe ist der Dienst eine hervorragende Lösung, die einfach zu bedienen ist. Allerdings stellt sich die Frage, wie viele Unternehmen im deutschsprachigen Raum in diese Zielgruppe fallen und nicht schon über ihren Hauptauftraggeber mit Technik versorgt sind. In Deutschland selbst dürften dies nur sehr wenige sein. In Ländern mit anderen Lieferstrukturen, wie z.B. Italien, ist die Zielgruppe deutlich größer.

Verwendbarkeit außerhalb der definierten Zielgruppe

Was für Lieferdienste funktioniert, kann auch in anderen Logistikzweigen mit LKW über >= 7,5t verwendet werden? In der Theorie kann man den Dienst zwar hierfür verwenden, die Ergebnisse werden aber nicht zufriedenstellend sein. Daher lautet die Antwort hier „nein“.

Die Geschwindigkeitsprofile sind für LKWs viel zu schnell und es werden keine LKW Restriktionen berücksichtigt. Die Kapazitäten der Fahrzeuge sind in den Unternehmen häufig unterschiedlich, was im Dienst nur durch wiederholte Planung für jeden Fahrzeugtyp abbildbar wäre. Aktuell werden darüber hinaus keine LKW Restriktionen berücksichtigt, was die Touren unzuverlässig macht. Für klassische Logistikunternehmen ist der neue HERE Dienst daher nichts außer ein Testprogramm, mit dem man sich einmal eine Tourenoptimierung anschauen kann.

Aber da gibt es auch noch andere Zielgruppen. Servicetechniker, Außendienstmitarbeiter, … lassen sich über den Dienst durchaus verplanen. Voraussetzung ist natürlich, dass ich bei der Planung keine relevanten Unterschiede bei der Qualifikation der Mitarbeiter habe.

Fazit

Für die offiziell angesprochene passende Zielgruppe ist der Dienst eine tolle Lösung, die sich jeder einmal anschauen sollte. Angefangen von der einfachen Bedienung und Menüführung, über die klare Struktur der Oberfläche bis hin zu guten Ergebnissen. Einziger Wermutstropfen ist der Export der Tour an den Fahrer. Die gewählten Lösungen sind zwar ein gangbarer Weg, richtig rund ist die Lösung an dieser Stelle aber noch nicht (subjektive Meinung).

Im logistischen Umfeld (LKW Verkehre) reichen die Möglichkeiten von HERE WeGo Deliver nicht aus – noch. Wir sind gespannt, ob sich HERE WeGo Deliver irgendwann einmal zu HERE WeGo Transport entwickeln wird.

Die meisten Softwarehersteller die heute schon Tourenoptimierung in Ihren Lösungen eingebunden haben, bilden Individualitäten Ihrer Zielgruppe ab. Lösungen, die kleine Unternehmen ansprechen und nur geringfügig auf die Besonderheiten Ihrer Zielgruppe eingehen gibt es kaum. Und die wenigen die es gibt setzen aktuell auf Google oder OpenStreetMaps auf. HERE WoGo Deliver positioniert sich somit nicht nennenswert gegen seine Partner. Im Gegenteil.

Durch die Verbreitung der kostenfreien Lösung werden viele Unternehmen, die Tourenoptimierung bisher als zu teuer oder zu kompliziert betrachtet haben, auf das Thema aufmerksam und lassen sich hoffentlich von den Vorzügen einer Tourenoptimierung überzeugen. Kaum eine andere Funktion spart mehr operative Kosten ein und steigert die Effizienz in der Disposition so stark wie eine Tourenoptimierung. (VM)